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| Cornelia Löhmer, Rüdiger Standhardt
Wie Gruppenarbeit lebendig wird
und lebendig bleibt
Über das Konzept der Themenzentrierten Interaktion
Inhalt
Teil I: Grundsätzliches zur TZI
1. Die Entstehung der TZI
2. Grundannahmen und Grundlagen der TZI
3. Stärken der TZI
Teil II: TZI in der Praxis
TZI-Methodenkurs im Odenwald-Institut
1. Vorüberlegungen
2. Verlauf der ersten Sitzung
3. Verlauf der zweiten Sitzung
4. Verlauf der dritten Sitzung
5. Verlauf der vierten Sitzung
Schlußbemerkung
Literaturhinweise
TZI ist eine Hoffnung für viele, die an einer Veränderung
unseres gesellschaftlichen und politischen Lebens interessiert sind
- die Hoffnung, dass durch TZI die so häufig geübte Praxis
des Gewinner- und Verlierer-Spieles überwunden werden könne
zugunsten eines menschlichen Miteinanders.
Irmela Köstlin
Der pädagogische Ansatz, wie er in den Instituten der Karl Kübel
Stiftung definiert ist, wird auch und vor allem durch die Methode der
Themenzentrierten Interaktion (TZI) in die Praxis umsetzbar. TZI-Seminare
gehören daher von Anfang an zum festen Seminarangebot des Odenwald-Institutes.
Sie sind ein wesentlicher Motor, wenn es darum geht, das lebendige Miteinander
von Menschen anzuregen, zu erleben und zu fördern.
In unserem Beitrag werden wir zunächst zentrale Aspekte der TZI-Gruppenarbeit
vorstellen und erläutern. In einem zweiten Teil geben wir einen Einblick
in die Kursarbeit mit der TZI.

Teil I
Grundsätzliches zur TZI
Was 1966 in kleinem Rahmen in New York begann, ist heute weltweit bekannt.
Seit über 30 Jahren wird das Konzept der Themenzentrierten Interaktion
(TZI) nach Ruth C. Cohn eingeübt, gelehrt und weiterentwickelt. Zur
praktischen Anwendung kommt die TZI in den unterschiedlichsten Bereichen
der Bildungs- und Beratungsarbeit: in Schule und Hochschule, in Industrie
und Wirtschaft, in politischer und kirchlicher Arbeit, in Supervisions-
und Organisationszusammenhängen.

1. Die Entstehung der TZI
Die Themenzentrierte Interaktion ist ein Modell der Gruppenarbeit, das
von Ruth C. Cohn initiiert und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen
weiterentwickelt wurde. Ausgehend von den Erkenntnissen der Psychoanalyse
und den Einflüssen der Gruppentherapie, flossen auch Erfahrungen
der Erlebnistherapie und der Humanistischen Psychologie in die TZI mit
ein.
Die Begründerin der TZI, Ruth C. Cohn, wurde 1912 in Berlin geboren.
Bereits einen Tag vor dem ersten Boykott jüdischer Geschäfte
am 31. März 1933 emigrierte die Jüdin in die Schweiz. Neben
ihren Universitätsstudien absolvierte sie eine sechsjährige
Ausbildung in Psychoanalyse, die zur wesentlichen Basis ihrer späteren
persönlichen und beruflichen Entwicklung werden sollte. Angesichts
der Gewalttaten der Nationalsozialisten in Deutschland beschäftigte
Ruth C. Cohn insbesondere die Tatsache, dass durch die psychoanalytische
Praxis nur einer sehr begrenzten Zahl von häufig privilegierten Menschen
geholfen werden konnte, und sie stellte sich die Frage, wie die Erkenntnisse
"der Couch" mehr Menschen zugänglich gemacht werden könnten.
Auf dem Hintergrund der politischen Ohnmacht der Psychoanalyse und ihrem
Interesse am Aufbau einer humanen Gesellschaft kristallisierte sich für
sie nach vielen Jahren praktischer Arbeit in den Bereichen Pädagogik,
Psychologie und Psychotherapie Mitte der sechziger Jahre die Grundlage
der TZI heraus. Dabei spielte ein Traum eine entscheidende Rolle: "Eines
Nachts (...) träumte ich von einer gleichseitigen Pyramide. Im Aufwachen
wurde mir sofort klar, dass ich die Grundlage meiner Arbeit 'erträumt'
hatte. Die gleichseitige Traumpyramide bedeutete mir: Vier Punkte bestimmen
meine Gruppenarbeit. Sie sind alle vier miteinander verbunden und gleich
wichtig."
Ruth C. Cohn führt diese Punkte an und erläutert sie. Da ist
zunächst der ICH-Aspekt. Damit ist die Subjektivität der einzelnen
Gruppenmitglieder gemeint, ihr augenblickliches Erleben, ihre Gefühle,
Einstellungen, Wahrnehmungen. Jeder Mensch hat seine unverwechselbare
und individuelle Perspektive, die mit seinem biographischen Hintergrund
zusammenhängt.
Der zweite Aspekt ist das WIR. Es meint diejenigen Prozesse, die ablaufen,
wenn Menschen in einer Gruppe zusammenkommen. Sie beziehen sich aufeinander,
treffen Vereinbarungen, hegen bewußte und unbewußte Phantasien
und entwickeln eine spezielle Gruppenkultur, die jede Gruppe zu einem
einzigartigen Gefüge ihrer Mitglieder macht.
Der dritte Aspekt ist der inhaltliche Bezugsrahmen, zu dem sich die Gruppe
zusammengefunden hat. Dies kann eine zu behandelnde Aufgabe sein oder
ein zu erlernender Stoff. Ruth C. Cohn spricht hier vom ES. Der vierte
Faktor ist das Umfeld, das die Gruppe beeinflußt und das von ihr
beeinflußt wird - also die Umgebung im näheren und weiteren
Sinn. Ruth C. Cohn nennt dies den GLOBE.
In der Erinnerung an den Traum schreibt Ruth C. Cohn weiter: "Ich
überlegte, dass diese vier Punkte jede Gruppe symbolisieren;
das heißt, dass es keine Gruppe gibt, die nicht durch diese
vier Punkte definiert wird. Jedoch nirgends - weder in unseren Gruppen
noch in der Literatur - fand ich diese Definition der Gruppe. Wichtig
aber war mir vor allem die im Traum konzipierte Gleichseitigkeit der Pyramide,
was bedeutet, dass die vier Punkte gleich wichtig sind. Und mit dieser
Gleichgewichtigkeit von Ich-Wir-Es und Globe war die Gruppenführung
mit TZI definiert (...). Ich veränderte danach das Symbol der Pyramide
in ein Dreieck in der Kugel, weil diese Figur optisch deutlicher ist"
(Cohn/Farau 1984, S. 343f.).


2. Grundannahmen und Grundlagen der TZI
Axiome. Die Themenzentrierte Interaktion beruht auf einer humanistisch-ganzheitlichen
Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, die sich in den drei grundlegenden
Annahmen der TZI, den Axiomen widerspiegelt:
Das existentiell anthropologische Axiom: "Der Mensch ist eine psycho-biologische
Einheit und ein Teil des Universums. Er ist darum gleicherweise autonom
und interdependent. Die Autonomie des einzelnen ist um so größer,
je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewußt
wird" (Cohn/Farau 1984, S. 357).
Das ethisch-soziale Axiom: "Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen
und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen.
Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend" (Cohn/Farau
1984, S. 358).
Das pragmatisch-politische Axiom: "Freie Entscheidung geschieht
innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung
dieser Grenzen ist möglich" (Cohn/Farau 1984, S. 358).
Postulate. Aus den humanistischen Axiomen der TZI ergeben sich zwei existentielle
Postulate, die deutlich machen, wie die Axiome im alltäglichen Leben
zum Ausdruck kommen können.
Das erste Postulat lautet: "Sei dein eigener Chairman/Chairwoman,
sei die Chairperson deiner selbst." Mache dir deine innere und äußere
Wirklichkeit bewußt. Benutze deine Sinne, Gefühle, gedanklichen
Fähigkeiten und entscheide dich verantwortlich von deiner eigenen
Perspektive her (vgl. Cohn/Farau 1984, S. 359). Das zweite Postulat lautet:
"Störungen und Betroffenheiten haben Vorrang." "Beachte
Hindernisse auf deinem Weg, deine eigenen und die von anderen; ohne ihre
Lösung wird Wachstum verhindert oder erschwert" (vgl. Cohn/Farau
1984, S. 160).
Kommunikationshilfen. Verschiedene Kommunikationshilfen, die aus den
Axiomen und Postulaten abgeleitet sind, können die zwischenmenschliche
Interaktion erleichtern und fördern, z.B.: "Vertritt dich selbst
in deinen Aussagen; sprich per ICH und nicht per WIR oder per MAN!"
oder "Beachte Signale aus deiner Körpersprache, und beobachte
diese auch bei anderen Teilnehmenden!" (vgl. Cohn/Farau 1984, S.362).
Dynamische Balance. Von anderen Kommunikationsmethoden unterscheidet
sich die Themenzentrierte Interaktion durch das Konzept der dynamischen
Balance. Ruth C. Cohn schreibt hierzu: TZI beruht auf der Arbeitshypothese,
dass jede Person (Ich), die Interaktion der Gruppe (Wir) und die
Arbeit an einer Aufgabe (Es) als gleichgewichtig angesehen werden sollen
und der gegenseitige Einfluß von Gruppe und Umfeld beachtet werden
muß. (...) Die Anerkennung und Förderung der Gleichgewichtigkeit
der Ich-Wir-Es-Faktoren im Globe ist die Basis der TZI-Gruppenarbeit und
-leitung" (Cohn/Farau 1984, S. 352). In der Beachtung der dynamischen
Balance liegt eine wesentliche Herausforderung des TZI-Modells. So selbstverständlich
der Gedanke der dynamischen Balance auch ist, so schwer ist es doch, diese
vier verschiedenen Faktoren im Blick zu behalten und in der Gruppenarbeit
angemessen zu berücksichtigen. Die Themenformulierung spielt in diesem
Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Bei der Vorbereitung einer TZI-Sitzung
geht es darum, eine kurze und möglichst ansprechende Themenformulierung
zu finden, die jeweils den Aspekt von Ich-Wir-Es - Globe in den Vordergrund
rückt, der für den weiteren Gruppenprozess förderlich ist.
Die Entscheidung für eine bestimmte Strukturform, in der die Gruppenarbeit
stattfinden soll (Einzelarbeit, Kleingruppe, Plenum, Fishbowl, Halbgruppe,
etc.), ist ein weiteres zentrales Element der TZI-Vorbereitung (vgl. Kroeger
1992).

3. Stärken der TZI
Die TZI benennt scheinbare Selbstverständlichkeiten im menschlichen
Miteinander und zeigt einen Weg auf, wie diese menschlicheren Umgangsweisen
eingeübt werden können. Zudem leuchtet den meisten Menschen
die Bedeutsamkeit der humanistischen Grundhaltung und der Methode unmittelbar
ein.
Im einzelnen können folgende Aspekte für die Popularität
und die schnelle Verbreitung des TZI-Konzepts verantwortlich gemacht werden:
Lebendiges Lernen
Das zentrale Anliegen des TZI-Konzepts ist das Lebendige Lernen. Damit
ist ganzheitliches Lernen in einer Gruppe gemeint, mit dem Ziel, sich
selbst und andere so zu leiten, dass die wachstumsfreundlichen und
heilenden, nicht aber die stagnierenden und krankmachenden Tendenzen im
Menschen angeregt und gefördert werden. So geht es beispielsweise
um Kooperationsbereitschaft anstelle von destruktiver Rivalität,
Realitätssinn anstelle von persönlich oder gesellschaftlich
bedingten Illusionen, Verantwortlichkeit anstelle von vorschnellem Anpassungsverhalten.
Menschen, die diese Art zu lernen erlebt haben, fühlen sich ernstgenommen
und ganzheitlich angesprochen. Sie sind stärker motiviert und bereit,
eigenverantwortlich zu handeln.
Pädagogische Grundqualifikation
Pädagogische Handlungsfähigkeit und soziale Kompetenz wird in
den üblichen sozialpädagogischen Fachausbildungen, den humanwissenschaftlichen
und geisteswissenschaftlichen Studiengängen nur in begrenztem Maße
vermittelt. So verlassen ausgerechnet diejenigen, die eine intensive Arbeit
mit Menschen anstreben, oft die Ausbildungsstätten als sogenannte
"soziale Analphabeten". Erst durch den Praxisschock erhalten
sie eine nachträgliche und ausgesprochen fragwürdige "pädagogische
Qualifizierung". Das Gruppenkonzept der Themenzentrierten Interaktion
arbeitet diesem Mangel entgegen, indem es die Teilnehmenden auf die pädagogische
Arbeit mit Gruppen vorbereitet und sie angemessen qualifiziert. Im Vordergrund
steht die Entwicklung pädagogischer Qualifikationen, zu denen folgende
Aspekte gehören: Fähigkeiten zur Teamarbeit, ein kooperativer,
kollegialer Führungsstil, Gruppen prozeßorientiert, sachbezogen
und persönlichkeitsfördernd anzusprechen sowie systemisches
Denken und Handeln.
Gleichwertigkeit von Sach- und Beziehungsebene
Die besondere Stärke der Themenzentrierten Interaktion liegt in der
gleichwertigen Verbindung von Sach- und Beziehungsebene. Während
in Arbeitszusammenhängen wie Hochschule, Politik und Wirtschaft der
inhaltliche Aspekt im Vordergrund steht, betonen humanistische Verfahren
oft einseitig den Beziehungsaspekt in einer Gruppe. Das Konzept der TZI
dagegen nimmt den Menschen in seiner Ganzheit und Vielschichtigkeit ernst.
Die Anwendung der Methode ist daher sowohl in thematischen und aufgabenbezogenen
Handlungsfeldern als auch im Bereich der Selbsterfahrung und Therapie
eine wesentliche Bereicherung für die betreffenden Menschen. Die
Mitglieder einer TZI-Gruppe werden sowohl in ihren kognitiv-rationalen
als auch in ihren emotional-sozialen Fähigkeiten und Bedürfnissen
ernstgenommen und gefördert.
Gesellschaftspolitisches Anliegen
Die Themenzentrierte Interaktion hatte für Ruth C. Cohn von Anfang
an eine gesellschaftspolitische Dimension (vgl. Standhardt/Löhmer
1994). Ihre Utopie ist die einer menschenwürdigen Gesellschaft, zu
der die Menschen gelangen können, wenn sie sich ihrer individuellen
und sozialen Strukturen bewußt werden und an einem Humanisieren
dieser Strukturen arbeiten. Infolge unserer derzeitigen globalen Krisensituationen
unterstreicht Ruth C. Cohn die Aktualität und die Wichtigkeit des
gesellschaftspolitischen Anliegens für eine pädagogisch-therapeutische
Arbeit: "Ich fühle mich heute, in dieser Zeit, so, wie ich mich
1932 in Deutschland fühlte, mit dem absoluten Bewußtsein: Wer
nicht blind ist, sieht, was auf uns zukommt; und wenn wir jetzt nichts
dagegen tun, wird es bald zu spät sein," (Cohn 1989, S. 165).
Flexible Ausbildungsstruktur
Die Ausbildung in Themenzentrierter Interaktion kann in ihrer zeitlichen
Struktur sehr flexibel gestaltet und damit auf die verschiedenen Bedürfnisse
der einzelnen abgestimmt werden. Im Vergleich zu anderen Gruppenarbeitsverfahren
bewegen sich die Kosten für Kennenlern- und Ausbildungskurse im unteren
Bereich. Auf die vielseitige Anwendungsmöglichkeit der TZI ist es
zurückzuführen, dass sich in TZI-Kursen Menschen aller Altersstufen
aus den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern und Tätigkeitsbereichen
zusammenfinden, die in ihrem Alltag sonst nicht miteinander lernen und
arbeiten würden. Dies ist für alle Beteiligten eine große
Bereicherung.

Teil II
TZI in der Praxis
Nachfolgend geben wir Einblicke in die TZI-Kursarbeit. Wir bewegen uns
dabei auf zwei Ebenen. Zum einen erläutern wir das Spezifische der
TZI-Seminararbeit, zum anderen geben wir konkrete Praxisbeispiele zur
Verdeutlichung der TZI-Methodik. Wir haben Beispiele aus unseren Erfahrungen
im Odenwald-Institut ausgewählt. Sie als Lesende können sich
damit ein Bild von der Arbeitsweise in einem TZI-Kurs machen und erfahren
gleichzeitig etwas über die Besonderheiten der Kursarbeit im Odenwald-Institut.
TZI-Methodenkurs im Odenwald-Institut
Unter der Überschrift "Kommunikation und Methode" bietet
das Institut eine Reihe von Seminaren an, in denen mit der Themenzentrierten
Interaktion gearbeitet wird. Darunter gibt es auch mindestens einen TZI-Methodenkurs,
d.h. die methodische Arbeitsweise des Seminars ist gleichzeitig auch dessen
sachliches Anliegen. In einem TZI-Methodenkurs geht es darum, die Teilnehmenden
mit den wesentlichen Grundannahmen und Grundlagen der TZI bekannt zu machen.
Dazu gehört neben den Axiomen und Postulaten vor allem das Konzept
der dynamischen Balance, die prozeßorientierte Arbeitsweise sowie
das Leitungsverständnis der TZI. In den insgesamt 18 Arbeitseinheiten
á 90 Minuten kann ein
erster Eindruck in die Theorie und Praxis der TZI vermittelt werden. TZI-Kurse
unterscheiden sich erheblich in ihrem Ablauf, auch wenn inhaltlich ähnliche
Sachaspekte im Vordergrund stehen. Dies liegt in der ausdrücklichen
Gleichgewichtigkeit der vier Interaktionsfaktoren begründet. Den
einzelnen ICH's in ihrer jeweiligen Individualität steht ebenso Raum
zur Verfügung wie den Beziehungen dieser ICH's, also dem WIR der
Gruppe. Beides hat Einfluß auf die inhaltliche Arbeit, ebenso wie
die jeweiligen äußeren Bedingungen, die auf die Gruppe einwirken.
Ein Synonym für die Themenzentrierte Interaktion ist daher auch der
Ausdruck "Lebendiges-Miteinander-Lernen". Weder die Leitenden
noch die Teilnehmenden wissen, wie sich das Seminar entwickeln wird. Im
Idealfall werden im Verlauf eines Seminars alle Beteiligten in gleicher
Weise zu Lernenden, die neue Wege gehen, und zu Leitenden, die sowohl
sich als auch die Gruppe in den Blick nehmen. Nachfolgend skizzieren wir
die ersten vier Sitzungen eines Einführungsseminars in die Theorie
und Praxis der TZI und beleuchten dabei in besonderer Weise unsere Vorüberlegungen
in bezug auf Themenformulierung und Struktur, den Verlauf der Sitzung
in ihren wesentlichen Grundzügen und schließen mit kurzen Anmerkungen
zu den Gruppensitzungen.

1. Vorüberlegungen
Einige Tage vor Beginn des 5tägigen Kurses versendet das Odenwald-Institut
eine Adressenliste der 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich zu
dem Seminar "Die Kunst des Gruppenleitens" angemeldet haben.
Im Unterschied zu Weiterbildungsveranstaltungen, die vom Arbeitgeber verordnet
sind oder zu berufsbedingten Pflichtzusammenkünften wie Sitzungen
oder Arbeitsgruppentreffen, basiert die Teilnahme an einem Odenwald-Kurs
auf Freiwilligkeit. Die meisten Menschen kommen mit dem Bedürfnis,
sich weiter zu qualifizieren. Wir können also mit Motivation, Neugierde
und Tatendrang seitens der Teilnehmenden rechnen. Aus Erfahrung wissen
wir aber auch, dass jede Anfangssituation von Unsicherheit und Ängsten
geprägt ist. In der Anfangssitzung wollen wir alle Beteiligten als
Personen sichtbar werden lassen. Darüber hinaus soll Raum sein, um
die nötigen organisatorischen Fragen zu klären, die den Tagesplan
des Hauses sowie die Struktur des Kurses betreffen.

2. Verlauf der ersten Sitzung
Das Thema der ersten Arbeitseinheit lautet daher: "Ich komme an
und wir machen uns miteinander bekannt".
Als Struktur wählen wir das Plenum. Den Gruppenraum haben wir bereits
nach unserer Ankunft vorbereitet: 23 Stühle stehen im Kreis, in der
Mitte liegt eine Decke. Als wir den Gruppenraum betreten, verstummt das
angeregte Geplauder - alle suchen sich einen Platz im Stuhlkreis. Wir
schauen in die Runde und nehmen zu allen Blickkontakt auf. Eine Vertreterin
des Odenwald-Institutes ist mit uns gekommen - sie begrüßt
die Anwesenden, stellt sich vor und gibt einige Hinweise zum Odenwald-Institut
und zum Anliegen der Karl Kübel Stiftung. Zur Philosophie des Hauses
gehört es, die Kursteilnehmenden zur Mithilfe bei den anstehenden
häuslichen Arbeiten zu gewinnen. Entsprechend erfolgt eine Einweisung
in die Gepflogenheiten des Hauses sowie ein Überblick über die
Tages- und Wochenstruktur. Nachdem die Institutsmitarbeiterin den Raum
wieder verlassen hat, eröffnet der Gruppenleiter die erste Arbeitseinheit,
indem er die Gruppe begrüßt und sich vorstellt. Die Co-Leiterin
schließt sich an, und beide sagen etwas zu ihrer Motivation, sich
mit TZI zu beschäftigen. Die Leitenden entrollen einen Bogen Papier,
auf dem das Thema des Kurses steht, darunter ist der Zeitplan für
die Kurstage zu sehen. Der Gruppenleiter nennt das Thema der ersten Arbeitseinheit
und erläutert den ersten Schritt des Ankommens. Durch ein geleitetes
Schweigen wird er die Anwesenden durch ihren Körper führen,
sie werden dabei ihre Gedanken und Gefühle wahrnehmen. Er bittet
die Teilnehmenden, sich bequem hinzusetzen und - wenn möglich - die
Augen zu schließen. Nach dem geleiteten Schweigen legt die Co-Leiterin
verschiedene Gegenstände und Postkarten mit den unterschiedlichsten
Motiven in die Mitte des Kreises auf die Decke. Alle sind nun aufgefordert,
sich etwas herauszusuchen, das zu ihrer momentanen Stimmung paßt.
In einem zweiten Schritt geht es nun darum, sich mit dem gewählten
Gegenstand im Plenum vorzustellen. Die Sitzung endet mit einer Übung,
die das Namenlernen erleichtert.
Anmerkungen zur ersten Sitzung
Der Schwerpunkt lag auf dem ICH-Aspekt. Das geleitete Schweigen lenkte
den Blick der Teilnehmenden nach innen. Dies schult die Wahrnehmung der
eigenen Bedürfnisse und ist die wesentliche Voraussetzung dafür,
dass sich die einzelnen für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse
in der Gruppe einsetzen können. Als Form des Kennenlernen wählten
wir eine strukturierte und kreative Form, um einerseits die notwendige
Sicherheit zu geben und anderseits einen lebendigen Zugang zu schaffen.
Durch die persönliche Vorstellung brachten sich alle Teilnehmenden
bereits in dieser ersten Sitzung ein. Der WIR-Aspekt wurde durch die gegenseitige
Aufmerksamkeit und das Namenlernen gefördert.

3. Verlauf der zweiten Sitzung
Nach einer 30minütigen Pause finden sich alle wieder im Gruppenraum
ein. Das Thema der 2. Arbeitssitzung lautet: "Meine Gruppen, in denen
ich lebe und arbeite".
Jaxon-Kreide und Papier liegen bereit, die Teilnehmenden werden aufgefordert,
sich einen Platz im Raum zu suchen, an dem sie die nächsten 20 Minuten
gut malen können. Selbstverständlich malen auch die Gruppenleitenden
ein Bild. Die fertigen Bilder werden auf dem Boden ausgelegt und von allen
angeschaut. Es werden 4er Gruppen gebildet, in denen der nachfolgende
Austausch stattfinden soll. Die Gruppen finden sich, indem einige Teilnehmende
beginnen, jeweils ihr Bild neben ein Bild zu legen, über das sie
etwas erfahren wollen. Dabei ist es ausdrücklich erlaubt, Bilder
auch wieder wegzulegen - der Gruppenbildungsprozeß ist erst dann
beendet, wenn alle mit ihrer Gruppe einverstanden sind. Die Gruppen verteilen
sich im Raum, man einigt sich intern, wer beginnt. Die Gruppenleitenden
weisen darauf hin, dass alle die Uhr im Auge behalten mögen,
damit jede und jeder etwa gleich viel Zeit für die Bildvorstellung
hat. Zwei Gruppen bleiben über das Sitzungsende hinaus zusammen und
bereiten das Abendessen vor.
Anmerkungen zur zweiten Sitzung
Der Schwerpunkt dieser Sitzung lag ebenfalls auf dem ICH-Aspekt. Die
Bewegung vom ICH zum WIR erfolgte über den GLOBE, über das Wahrnehmen
und Vorstellen der Gruppen, in denen sich die einzelnen bewegen. Die Kleingruppenstruktur
förderte das Kennenlernen (WIR-Aspekt). Schon in der Anfangsphase
des Seminars legen wir Wert auf die Berührung mit dem GLOBE-Aspekt.
Auf der Beziehungsebene ist es uns wichtig, dass wir uns als Leitende
einbringen und selbstverständlich sowohl ein Bild malen als auch
bei der Kleingruppenarbeit mitmachen. Die Abendessensvorbereitung nutzen
wir dazu, die Feinplanung für die nächste Sitzung abzustimmen.
Wir tauschen unsere bisherigen Eindrücke aus - die Gruppe ist sehr
kooperativ und aufgeschlossen, jedoch fällt uns auch eine gewisse
Leiterzentriertheit auf. Bei Wortbeiträgen schauen die Teilnehmenden
uns an, einige waren irritiert, als wir uns auch Papier und Stifte nahmen
und uns dann mit unserem Bild in die Gruppenarbeit einreihten. In der
nächsten Sitzung werden wir daher den Schwerpunkt auf das Gruppenleiterbild
der einzelnen legen.

4. Verlauf der dritten Sitzung
Wir arbeiten wieder im Plenum, das Thema der Sitzung lautet: "Wie
bin ich Gruppenleiter, wie will ich sein, was will ich hier lernen?"
Am Gruppengespräch beteiligen sich zunächst nur einige, die
offensichtlich schon TZI-Vorerfahrung haben. Begriffe wie "Beachtung
der Störungsregel", "selektive Authentizität",
"Gruppenphasen", "dynamische Balance" und "Themenformulierung"
tauchen auf. Immer wieder klinken wir uns in das Gespräch mit ein,
führen zum Thema zurück und machen darauf aufmerksam, dass
der Mut, Fragen zu stellen, die Voraussetzung zur Wissensaneignung ist.
Anmerkungen zur dritten Sitzung
Wir haben an dem persönlichen Gruppenleiterbild der einzelnen gearbeitet,
und die Art, wie wir uns selbst als Teilnehmende und als Leitende in die
Sitzung eingaben, machte die TZI-spezifische Arbeit deutlich. Wir sind
von den persönlichen Zugängen der einzelnen (ICH) zum Sachanliegen
(ES) und von dort immer mehr zum WIR gekommen. Wir haben erlebt, wie die
Gruppe im Laufe der Sitzung immer besser miteinander ins Gespräch
kam. Die Teilnehmenden bezogen sich in ihren Äußerungen aufeinander,
stellten Nachfragen und steuerten damit sich selbst und die Gruppe.

5. Verlauf der vierten Sitzung
Geplant hatten wir für diesen Morgen, das in der Gruppe vorhandene
TZI-Wissen offenzulegen. Wir begannen mit einer Morgenrunde, in der alle
berichten konnten, wie es ihnen nach dem gestrigen Tag und der Nacht jetzt
geht. Viele Äußerungen kreisten um das Leitungsverständnis
der TZI. Hier steckte die Aufmerksamkeit und dem trugen wir Rechnung,
indem wir unser geplantes Thema beiseite ließen. Wir schlugen die
Struktur des Fishbowls vor, um über den weiteren Verlauf der Sitzung
Klarheit zu bekommen. Mit unseren Stühlen setzten wir uns in einen
kleinen Innenkreis und luden noch drei weitere Teilnehmende ein, sich
dazuzusetzen. Ein Stuhl blieb frei. Inhaltlich ging es nun darum, Phantasien
zu äußern, die hinter dem Wunsch stecken konnten, weiter am
Leitungsverständnis zu arbeiten. Der leere Stuhl durfte jeweils solange
von einer Person aus dem Außenkreis besetzt werden, bis eine weitere
Person diese ablösen wollte. Die Menschen des Außenkreises
sollten beobachten. In verschiedenen Facetten wiederholten sich im Innenkreis
Phantasien, die mit "Leitungslust" einerseits und "Leitungsangst"
andererseits zu tun hatten. Wir formulierten daraufhin im Innenkreis gemeinsam
das Thema: "Leiten ist für mich angenehm, weil ... -Leiten ist
für mich unangenehm, weil..."
Als Hinführung zum Thema stellten wir zwei Stuhlreihen auf. Die Stuhlreihe
des "Wohlfühlens" und die Stuhlreihe des "Unwohlfühlens".
Alle Seminarteilnehmenden verteilten sich auf die Stuhlreihen und sollten
nun den jeweils zu ihrer Stuhlreihe gehörenden Satz beenden: "Leiten
ist für mich angenehm, weil ..." bzw. "Leiten ist für
mich unangenehm, weil ..." Das Hin- und Herwechseln zwischen den
Stuhlreihen brachte nicht nur Bewegung in die Gruppe, es ermöglichte
uns vor allem, vielen Aspekten auf die Spur zu kommen, die uns mit dem
Gruppenleiten verbinden.
In vier Kleingruppen, die sich spontan zusammenfanden, tauschten wir uns
im Anschluß über diejenigen Leitungsaspekte aus, die uns neu
waren. Die Sitzung endete mit einer Runde, in der alle Gelegenheit hatten,
sich kurz zu ihrem Befinden zu äußern.
Anmerkungen zur vierten Sitzung
Für die meisten Teilnehmenden war diese Arbeitseinheit ein "AhaErlebnis";
sie haben erlebt, dass wir unser geplantes Thema nicht durchgezogen
haben, sondern statt dessen dem aktuellen Gruppenprozeß Rechnung
trugen. Andere spürten ihre Unsicherheit. Ihnen geht das Seminar
nahe, und sie würden lieber nur theoretisch darüber informiert
werden, was es mit der TZI auf sich hat. Doch in diesem Seminar reden
wir nicht nur über TZI, sondern üben es miteinander in der konkreten
Seminarsituation ein. Das Thema und auch der Gruppenprozeß bewegten
sich von der ICH- zur ES-Ebene. Indem wir das ursprüngliche Thema
verworfen haben, wurde deutlich, was wir meinen, wenn wir von prozeßorientierter
Arbeitsweise sprechen. Die Teilnehmenden nahmen mehr und mehr ihre Verantwortung
für sich selbst und den Gruppenprozeß wahr, eine Entwicklung,
die sich in den folgenden 12 Arbeitseinheiten weiter festigen konnte.

Schlussbemerkung
Das TZI-Konzept erscheint auf den ersten Blick leicht verständlich
und einfach zu praktizieren. Dies mag einmal mit der überschaubaren
Anzahl von grundlegenden Annahmen zusammenhängen, aber auch mit den
"Selbstverständlichkeiten", die in den Axiomen der TZI
zum Ausdruck kommen. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass
TZI mehr ist als das Kennen der Axiome und das Beachten der Kommunikationshilfen.
In der praktischen Arbeit verleitet die scheinbare Einfachheit des TZI-Konzepts
immer wieder Gruppenteilnehmende dazu, bereits nach wenigen TZI-Erfahrungen
selbst TZI zu vermitteln. Ist die Methode nicht hinreichend eingeübt
und wird sie "rezeptartig" weitergegeben, treten notgedrungen
Schwierigkeiten auf. Die Themenzentrierte Interaktion ist jedoch in gleicher
Weise ein genial einfaches als auch ein höchst anspruchsvolles Gruppenarbeitsverfahren.
Sich selbst und eine Gruppe zu leiten, ist eine hohe Kunst, und daher
bedarf es einer längeren Einübung in die Haltung und die Methode
der Themenzentrierten Interaktion, wie sie in der mehrjährigen TZI-Ausbildung
(WILL-International, St. Alban-Rheinweg 222, CH 4006 Basel) angeboten
wird.

Literaturhinweise
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Von der Behandlung einzelner zur Pädagogik für alle. Stuttgart
(Klett-Cotta) 1975, 13. Auflage 1997
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Cohn, Ruth C. / Klein, Irene: Großgruppen gestalten mit Themenzentrierter
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Cohn, Ruth C. / Terfurth, Christina (Hrsg.): Lebendiges Lehren und Lernen.
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Langmaack, Barbara: Themenzentrierte Interaktion. Einführende Texte
rund ums Dreieck. Weinheim (Psychologie Verlags Union) 1991, 3. Auflage
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Löhmer Cornelia / Standhardt, Rüdiger (Hrsg.): TZI. Pädagogischtherapeutische
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Löhmer Cornelia / Standhardt, Rüdiger: Themenzentrierte Interaktion.
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Raguse, Hartmut: Kritische Bestandsaufnahme der TZI. In: Löhmer,
Cornelia / Standhardt, Rüdiger (Hrsg.): TZI. Stuttgart 1992, S. 264
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Standhardt, Rüdiger / Löhmer, Cornelia (Hrsg.): Zur Tat befreien.
Gesellschaftspolitische Perspektiven der TZI-Gruppenarbeit. Mainz (Grünewald)
1994
Standhardt, Rüdiger / Löhmer, Cornelia (Hrsg.): Lebendiges
Lernen in toten Räumen. Zur Verbesserung der Lehre an der Hochschule.
Gießen (focus) 1995
Stollberg, Dietrich: Wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Zum Begriff
des Schattens in der TZI. In: Löhmer, Cornelia / Standhardt, Rüdiger
(Hrsg.): TZI. Stuttgart 1992, S. 207 - 217
WILL-International (Hrsg.): Personen - Titel - Themen. TZI-Bibliographie
mit über 600 verschiedenen Literaturhinweisen zur Theorie und Praxis
der Themenzentrierten Interaktion. Erstellt von Rüdiger Standhardt,
Cornelia Löhmer, Laura van Loosbroek und Ivo Callens. Basel 1994
(zu bestellen bei: WILL-International, St. Alban-Rheinweg 222, CH 4006
Basel)
(Aus: Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie (Hrsg.): Beziehungen
leben. Eine Methodenauswahl aus den Bildungsinstituten der Karl Kübel
Stiftung. Bensheim 1998, S. 65-76)
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